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Editorial

Anish Kapoor

Die Werke von Anish Kapoor sind gleichermassen atemberaubend wie raumgreifend.
Der erste Blick darauf bleibt für immer im Gedächtnis. Ich sah sie das erste Mal im Jahr 1991, als Kapoor den Turner Prize gewann, dem neu lancierten Preis für moderne Kunst der Tate Gallery.

By Ben Luke April. 15, 2024

In einer für die nominierten Künstlerinnen und Künstler organisierten Ausstellung zeigte er eine Skulptur ohne Titel, die sinnbildlich für seine Gedanken steht, die ihn seit nunmehr sechs Jahrzehnten beschäftigen. Die überwiegend kugelförmige ca. 1,5 m hohe Skulptur aus grob behauenem Sandstein ist nach unten hin abgeflacht. Aus der Ferne betrachtet sticht einzig diese rudimentäre Grundform ins Auge. Erst aus der Nähe offenbart die Skulptur ihre Komplexität. Oben auf der Skulptur befindet sich ein schwarzer Kreis, der beinahe denselben Durchmesser aufweist wie die Kugel. Aus manchen Blickwinkeln scheint es, als hätte die Skulptur eine Filzkappe auf. Wechselt man die Perspektive, sieht man jedoch, dass es sich bei dem Kreis um ein in den Stein gehauenes und mit schwarzer Farbe verblendetes Loch handelt. Das Schwarz ist so dunkel und deckend, dass die Grösse des Lochs nicht auszumachen ist. Und je länger man daraufstarrt, desto unendlicher erscheint die Aussparung in der Skulptur – eine unheimliche Tiefe und Weite jenseits unserer Welt.

©Anish Kapoor, "Untitled", 2001, Stainless Steel Lacquered, 150 x 120 x 34.5

Im Mittelpunkt des abstrakten Werkes Kapoors stehen klassische bildhauerische Werte wie Form, Raum, Struktur, Patina, Farbe usw., die augenscheinlich sind. Die Präsentation seines Werkes ist sparsam, um nicht zu sagen nüchtern, und weist eine klare Verbindung zum Minimalismus oder Post-Minimalismus auf, der seiner Schaffenszeit unmittelbar vorausging. Und dennoch erzielen seine Skulpturen eine maximale Wirkung, die sich in einem magischen Realismus manifestiert. Dieser beruht auf einer eingehenden Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper und Geist, gepaart mit einer unverkennbar poetischen, spirituellen und metaphysischen Ausdrucksform.

Kapoor wurde 1954 in Indien geboren und studierte in den 1970er Jahren Kunst in London. 1979 kehrte er nach Südasien zurück und widmete sich wieder den Pigmenten, die sein frühes Werk prägten. Wenngleich er den Einfluss Indiens nicht bestreitet, so ist er der Auffassung, dass dieser überspielt werden kann. Tatsächlich gehen viele seiner künstlerischen Ausdrucksformen aus seiner Verbindung zu Künstlern des westlichen Kanons hervor, von Titian und Rembrandt bis hin zu Marcel Duchamp, Barnett Newman und Joseph Beuys. Obwohl er als Künstler keiner bestimmten Stilrichtung zuzuordnen ist, wurde er in den 1980er-Jahren, u.a. zusammen mit Richard Deacon und Tony Cragg, mit der New British Sculpture und mit der Renaissance der inhaltlichen Bildhauerei in Europa in Verbindung gebracht.

©Anish Kapoor, "Space As Object", 2001, Acryl, 93.9 x 93.9

Seine Entwicklung über die Jahrzehnte war wohl geprägt durch seine Auseinandersetzung mit der Binarität der Materialien und einem wachsenden Interesse an der Bildhauerei im öffentlichen Raum. Er vertiefte sein Interesse an Deckkraft, Transparenz und Reflektivität. Ausgehend von seinen Skulpturen aus Farbpigmenten schuf er Werke aus Wachs, meist in tiefem Rot. Dieses blutrote, üppige Material wird oft für monumentale Installationen verwendet, wo es aus einer Pistole geschossen kommt oder von Maschinen geformt wird, wie bei My Red Homeland (2003). Kapoors Gemälde, für die er zunehmend Wachs verwendete, sind zwar abstrakt, erinnern jedoch an menschliche Organe und Formen. In einem oftmals unterschätzten Oeuvre, zu dem auch das Werk Space as an Object (2001) gehört, verwendete er Harz, und fing dabei vielschichtige Luftblasen im Material ein, die unweigerlich an menschlichen Atem erinnern.

Mitte der 1990er-Jahre begann er mit glänzenden Edelstahloberflächen zu arbeiten und schafft seitdem eine im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubende Skulpturenreihe, bei der er punkto Grösse, Form und Farbe zunehmend ambitionierte Ziele verfolgt. Mit den glänzenden Oberflächen möchte er beim Betrachter eine ähnliche Faszination erzeugen wie mit seinen pigmentierten Werken, wobei er die Skulptur als «nicht mehr körperlich, sondern frei schwebend» beschreibt. In Werken wie Untitled (2001) aus der Sammlung des Dolder Grand erzeugt er mit konkaven Oberflächen eine nach seinen Worten «vollkommen betörende» Wirkung, die über die körperlichen Grenzen hinausgetragen wird.

Dieses Phänomen erforschte er in grossem Umfang bei seinen öffentlich zugänglichen Skulpturen. Das bekannteste Beispiel ist die Skulptur Cloud Gate (2004-06) in Chicago, die von Einheimischen und Touristen liebevoll die Bean genannt wird. Kapoor strebt in seinem gesamten Schaffen nach Transformation, einer Erfahrung, die losgelöst von der Realität etwas Geheimnisvolles birgt. Wenngleich er körperliche Objekte schafft, so möchte er stets eine bestimmte Wirkung erzielen, die, wie er es beschreibt «einen nicht-körperlichen oder nicht objektbezogenen Charakter erzeugt».


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