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Editorial

Jani Leinonen
«Chapel of Remorse»

Die «Chapel of Remorse» des finnischen Künstlers Jani Leinonen (geb. 1978, lebt und arbeitet in Helsinki) hat in der Steinhalle des Hotels Dolder Grand in Zürich ein neues Zuhause gefunden.
Zuvor wurde die Kapelle in der 500 Jahre alten Scheune Stalla Madulain im Bündnerland gezeigt. Die Glastafeln wurden in der Mayer’schen Hofkunstanstalt in München in alter Glasmalerei-Technik bemalt. Was jetzt an der Wand des Dolder Grand installiert ist, sind jedoch nicht nur die Glasmalereien, sondern auch die jahrhundertealte kapellenartige architektonische Komposition und die Formen der Fenster einer mittelalterlichen Schweizer Scheune. Die Glasarbeit, die mit ihren Bezügen zu populären Markenlogos den Kapitalismus und die heutige Konsumgesellschaft pointiert kritisiert, ist ein herausragendes Beispiel dafür, das sich Ästhetik und bissige Systemkritik nicht ausschliessen.

By Oli Freuler Januar. 11, 2021

Die Reaktion der Betrachtenden ist so auch zunächst ein Staunen über die Qualität und Kunstfertigkeit des Werkes. Die Ästhetik der Installation aber manipuliert das Auge. Die Provokation findet in der Schönheit des Lichtbruchs im Glas einen Quarantäneraum. Die Betrachtenden werden von Leinonen zu passiven, kontrollierten Konsumentinnen und Konsumenten gemacht.

Die «Chapel of Remorse» lässt ferner den Vergleich mit einem christlichen Reliquienschrein zu. Das Sakrale und das Spiel mit religiösen Symbolen ist in Leinonens Werk ein Leitmotiv. 2015 liess er eine Ronald-McDonald-Figur im Rahmen seines Projekts «McJesus» kreuzigen, die katholische Kirche und konservative Politikerinnen und Politiker liefen Sturm gegen die Kunstaktion.

Jani Leinonen

Jani Leinonen schloss 2002 sein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Helsinki ab. Seine Werke wurden in Finnland und international ausgestellt, u. a. im Nordischen Pavillon der 53. Biennale von Venedig, in der Galerie Gmurzynska, im Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen, im Frankfurter Kunstverein, im ARoS Aarhus Art Museum und im Haifa Art Museum. Berühmt wurde der Künstler für seine Arbeiten im öffentlichen Raum, in denen er Bilder und Ikonen aus Firmenlogos erstellt und so unsere Wirtschaftsordnung immer wieder geschickt zur Disposition stellt. Oft erscheint es unklar, ob Leinonens Kunst diese Symbole der schillernden Gebrauchsgüterwelt ironisiert, kritisiert oder sie nur aufgrund ihrer Ikonizität einsetzt. Wahrscheinlich tut sie all dies gleichzeitig.

«Ich denke nicht, dass ich Kunst über Politik mache. Ich denke, ich mache Kunst über die Dinge, über die wir uns alle selbst belügen.»

«Anything Helps», 2011 Installation von «Beggar Sign», gerahmt

Indem Leinonen immer wieder mit dem Design und ikonischen Darstellungen von Marken arbeitet, verbindet er die ästhetische Dimension mit dem Politischen und zeigt so, wie eng Gesellschaft, Konsum und Kunst miteinander verwoben sind.

«Werbung und Anzeigen geben eine sehr oberflächliche ‹positiv denkende› Sicht auf das Leben. Die Welt, die dadurch geschaffen wird, ist jedoch sehr psychopathisch.»

Leinonens Kunst ist einerseits dekorativ, sorgfältig, intelligent und bewusst gut verkäuflich gestaltet, andererseits gibt es diesen Drang zur Provokation, was seine Kunst vor der Klassifizierung als Kitsch bewahrt. Der Finne hat mit der «Chapel of Remorse» ein intelligentes und vielschichtiges Werk geschaffen, das den aktuellen Zeitgeist widerspiegelt, der von Konsum, Gewinnstreben und sozialer Ungerechtigkeit geprägt ist. Die Kapelle fordert die Betrachtenden heraus, sich dieser Realität zu stellen.

«Ich mache Kunst über die unheimlichen Gefühle und Wahrheiten, vor denen wir versuchen wegzulaufen. Ich denke, dass wir als menschliche Rasse niemals besser sein werden, bevor wir nicht aufhören, vor unserer eigenen Scham, Schuld, Hass und Traurigkeit wegzulaufen und uns unseren eigenen Unzulänglichkeiten stellen und die Verantwortung für unser eigenes Handeln übernehmen.»

«Smacks» 2010, Cereal packages, Acryl auf Verpackung

Die «Chapel of Remorse» bildet unsere Gesellschaft nicht ab, sie imitiert sie und erlaubt so einen intuitiven Zugang zu Werk und Aussage. Mehr noch: Durch die vielschichtige Wirkung des Raumes ist es kaum möglich, Distanz zum Werk aufbauen. Man wird förmlich davon eingesogen.

Schöpferischer Ungehorsam als Protest gegen den Status quo, gegen staatliche Gewalt oder Ungleichheit, war schon immer eine Motivation künstlerischen Schaffens. Mitte der 1930er Jahre malte Pablo Picasso das wandfüllende Protestbild gegen die Bombardierung der baskischen Stadt Guernica in einer brachialen, schreienden Bildsprache. Diego Rivera erschuf Gemälde, die den täglichen Kampf der mexikanischen Arbeiterklasse portraitierten. Sein Fresko «Man at the Crossroads» von 1932 wurde später von den Rockefellers zerstört, nachdem das Werk als antikapitalistische Propaganda gebrandmarkt worden war. Eddie Adams’ berühmte Fotografie von 1968, welche die Exekution eines Vietcong-Soldaten zeigt, hat bewiesen, welche politische Wirkmächtigkeit Kunst besitzen kann. Sie trägt dazu bei, Aufmerksamkeit für politische und gesellschaftliche Probleme herzustellen und Widerstand zu mobilisieren. Kunst stellt Fragen – auch mit den Mitteln der Provokation. Sie wendet sich gegen alles Einengende, gegen psychische, gestalterische und räumliche Schranken.

Wie bei vielen postmodernen Künstlerinnen und Künstlern, muss bei Leinonen der rezeptionsästhetische Kontext, in dem seine Kunst stattfindet, immer als Teil des Kunstwerkes selbst mitgedacht werden. Der Finne hat mit dem luxuriösen Ausstellungsort im Dolder-Hotel seinem Kunstwerk eine zweite Kapelle als symbolischen Überbau spendiert. Es kann als geglückte Pointe gesehen werden, dass Leinonens Kapitalismuskritik jetzt genau dort stattfindet, wo jene ein- und ausgehen, welche am meisten vom derzeitigen Wirtschaftssystem profitieren. Der Ort ist so ein idealer Brückenschlag und ein Angebot, über Fragen von Armut, Reichtum, Konsum und Glauben nachzudenken und miteinander ins Gespräch zu kommen.

We Are Sorry (Black), 2013 Metal, plexiglas, neon lights

Neben der «Chapel of Remorse» verfügt das Dolder Grand, das sich seit langem für die Förderung der Künste engagiert, über eine beachtliche Sammlung von über 100 Kunstwerken, welche von den internationalen Gästen in Augenschein genommen werden können. Die Aufnahme Leinonens Kapelle in den Schatz des Hotels wird gewiss für neue Deutungsmöglichkeiten und bereichernde Resonanzen mit den anderen Exponaten sorgen. Dass das Kunstwerk über dies auch zur Reflexion anregen wird, ist sicherlich ganz im Sinne des Künstlers.

KUNST IM DOLDER GRAND

Seit der Wiedereröffnung des Dolder Grand 2008 bereichern über 100 namhafte Kunstwerke die Räumlichkeiten des Zürcher Luxushotels. Als wohl markantestes Stück thront Andy Warhols elf Meter breites «Big Retrospective Painting» über der Reception. Erleben Sie die Kunst im Dolder Grand!