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Editorial

Ferdinand Hodlers Perspektive

Ferdinand Hodler – ist das nicht der Maler der Schweizer Berge? Gipfel. Seen. Ein klarer Horizont?

Ja. Und doch geht es bei ihm um weit mehr als Landschaft. Es geht um Haltung. Um Blickrichtung. Und um die Frage, was bleibt, wenn man sich über das Alltägliche erhebt.

Kaum ein Künstler hat das Bild und das Selbstverständnis der Schweiz so nachhaltig geprägt wie Hodler. Seine Berge sind keine Naturstudien, sie sind Setzungen. Klar gegliedert, rhythmisch aufgebaut, wiederholt und weitergedacht. Stockhornkette und Thunersee, Dents du Midi, Grammont, Jungfrau. Motive, die nicht variiert werden, um zu gefallen, sondern um zu verstehen. Wer Höhe sucht, muss Genauigkeit wagen.

Diese Haltung verbindet Hodlers Werk auf bemerkenswerte Weise mit einem Ort wie dem Dolder Grand. Auch hier oben öffnet sich der Blick. Nicht spektakulär, sondern konzentriert. Landschaft wird nicht konsumiert, sondern wahrgenommen. Distanz schafft Klarheit. Und aus der erhöhten Perspektive entsteht jene Ruhe, die Hodler suchte und malerisch verdichtete.

Besonders im Spätwerk wird diese Haltung sichtbar. In den Jahren zwischen 1913 und 1918, als Hodler längst anerkannt und unabhängig war, reduzierte er seine Malerei radikal. Serien und Variationen bestimmen sein Schaffen. Landschaft, Selbstbildnis, Frau, Tod. Alles kehrt wieder. Alles wird klarer. Alles wird existenzieller. Die Berge werden zu Spiegeln des Inneren. Der einsame Gipfel als Sinnbild von Standhaftigkeit, aber auch von Einsamkeit.

Buntes Gemälde eines Berggipfels mit grünen und orangefarbenen Felsen, teilweise in wirbelnde Wolken gehüllt, unter einem hellblauen und gelben Himmel. Im Hintergrund sind schneebedeckte Berge zu sehen.
Ferdinand Hodler, Das Jungfraumassiv von Mürren aus, 1911 ©Kunsthaus Zürich

Die Nahansichten der Jungfrau mit dem Schwarzmönch wirken, als habe Hodler die Gipfel mit dem Fernglas herangeholt. Die Szenerie ist überhöht, fast entrückt. Nicht die Weite zählt, sondern die Konzentration. Eine Qualität, die sich auch hier oben einstellt, wenn Stadt und Alltag in den Hintergrund treten und Raum für das Wesentliche entsteht.

Parallel dazu richtet Hodler den Blick auf sich selbst. Seine späten Selbstporträts verzichten auf jedes Beiwerk. Das Gesicht steht allein im Bildraum. Geformt wie eine alpine Landschaft, zerfurcht, ernst, von einem zunehmend sichtbaren Pinselstrich durchzogen. Realismus und Innenschau fallen zusammen. Auch hier keine Pose, sondern Haltung.

Ferdinand Hodler war kein Maler des Zufälligen. Er suchte Ordnung, Rhythmus und Gesetzmässigkeit. Sein Parallelismus war mehr als ein Stilmittel. Er war eine Haltung. Und genau darin liegt seine Nähe zu einem Ort, der sich bewusst über das Flüchtige erhebt. Hoch über der Stadt, zwischen Kunst, Landschaft und Architektur, entfaltet Hodlers Denken bis heute seine Wirkung. Still, klar und von zeitloser Konsequenz.

Impressionistisches Gemälde von blauen Bergen, die sich in einem ruhigen See spiegeln, mit einem sanften rosa und gelben Himmel bei Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang. Die Gesamtstimmung ist heiter und ruhig.
Ferdinand Hodler, Genfersee mit Mont-Blanc am frühen Morgen, 1918 ©Kunsthaus Zürich

Heute lässt sich diese Haltung an zwei Orten weiterdenken. Die Werke mit den ikonischen Bergmotiven sind im Kunsthaus Zürich in der dauerhaften Ausstellung zu sehen und ermöglichen eine unmittelbare Begegnung mit Hodlers Denken in Serien, Rhythmen und Reduktion. Parallel dazu setzt das The Restaurant im Dolder Grand mit «Heilige Stunde» einen bewussten Akzent. Das Werk steht dort nicht isoliert, sondern eingebettet in eine kuratierte Sammlung von über 100 Kunstwerken im Haus. Auch hier geht es nicht um flüchtige Betrachtung, sondern um Konzentration, um das Innehalten und um jene stille Klarheit, die Hodlers Werk bis heute auszeichnet.


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