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Editorial

ANDY’S TRAUMFABRIK —
THE BIGGER PICTURE

«Ich liebe es zu arbeiten. Statt einem Portrait mache ich also gleich 100 davon.», das flüsterte – oder vielmehr hauchte – der Künstler mit leiser und gleichsam heller Stimme in ein Mikrofon, das zu einer Journalistin des Schweizer Fernsehens gehörte. Wir schreiben das Datum 12. Februar 1976, Eröffnung der Ausstellung Ladies and Gentlemen in der Galerie Bruno Bischofberger in Zürich. Eine Erscheinung wie Andy Warhol hatte die Schweiz bis dato nicht gesehen, sich gar nicht erst vorstellen können.

By Roger Meier September. 08, 2020

Was Andrew Warhola alias Andy Warhol damit wohl gemeint hatte, war damals nicht ganz so offensichtlich wie heutzutage: Denn hast du einmal einen Warhol gesehen, hast du sie irgendwie alle gesehen – oder so ähnlich. Denn von all seinen Bildmotiven, die von Trivia wie Blumen (Flowers) oder Kühen (Cows), über reproduzierte Zeitungsbilder (Car Crash oder Most Wanted Men Series u.a.) zu Konsumgütern wie Kellogg’s- und Waschmittelverpackungen (Brillo Boxes), bis hin zu Portraits von sich selbst oder von Stars (Marilyn Monroe, Elvis Presley, Liz Taylor u.v.m.) oder von politischen Figuren (Lenin, Mao) reichen, gibt es gleiche und fast gleiche Arbeiten und diese wiederum in noch immer weiteren, meist anders lumineszenten Farbvariationen. Man kommt um diese ikonenhaften Bilder nicht herum, sie haben sich in uns eingebrannt. Sie kamen und gingen nie mehr weg. Ein kaleidoskopischer Bildkosmos, der so enigmatisch wie oberflächlich, so natürlich wie künstlich und doch fesselnd zugleich auf uns einwirkt.

Diese Kunstwerke entstammen allesamt aus Andy Warhols, wie er sie nannte, »Factory«, wo er im Kollektiv mit anderen Leuten, vornehmlich andere Künstler*innen und Kreative, die in serieller Arbeit entstandenen Werke produzierte. Warhol nannte sie Multiples. Inspiriert von der Konsumwelt, sollte auch Kunst in grosser Menge verfügbar, einfach reproduzierbar und überall erhältlich sein. Das in den 1960er-Jahren aufkommende Siebdruckverfahren kam ihm dabei sehr entgegen; so konnten pro angelegtes Sieb in der Regel 100 hochwertige Druckstücke produziert werden. Diese konnten anschliessend individuell mit Acrylfarbe verfeinert oder »ausgemalt« werden. Die sog. »Silver Factory« (1962–1968) diente dem Künstler als Produktionsstätte, als Foto- und Filmstudio und als Ort für Experimente und Partys gleichermassen.

Die Silver Factory, die so hiess, weil die Wände, teilweise auch die Böden, die Türen (ja sogar die Toilette!) mit silberner Alufolie tapeziert waren, erlangte rasch grosse Bekanntheit. Denn sie wurde als Traumfabrik wahrgenommen. Andy Warhol, der aus der Werbung gekommen war, verstand es bestens, um seine eigene Person sowie um die Factory mit ihren teils schrillen und exzentrischen Mitgliedern, einen Mythos zu kreieren. «I wanna be a mirror», pflegte der Künstler oft zu sagen und meinte wohl damit weniger, dass er die Gesellschaft spiegeln wolle, sondern vielmehr, dass er sich ihr quasi als Leinwand zur Verfügung stelle und alle ihre Wünsche und Sehsüchte darauf projizieren können. Und das tat er. Und sehr erfolgreich. Wer in den 60s in Manhattan etwas auf sich hielt und weiterkommen wollte, musste dafür sorgen, auf die Factory Partys von Andy Warhol eingeladen zu werden: Alle wollten Teil dieses massgeblich von ihm geprägten, neuen Lebensgefühls sein – oder noch viel besser – von Andy portraitiert – oder superlativ – eine Rolle in einem seiner Filme spielen und ein Star werden.

Was als Hub für »heimatlose« Künstler*innen, Fotograf*innen, Musiker*innen, Wanna-Be-Schauspieler*innen, Literat*innen, Homosexuelle und Trans-Menschen begann, entwickelte sich ebenso magnetisch zum Hotspot für den Jetset. Andy Warhols Super-8-Filme sowie Polaroids, realisiert auf Events in den verschiedenen, teilweise weitläufigen Hallen der Factory, zeugen davon: Truman Capote, Maria Callas, Salvador Dalí, Jane Fonda, Mick Jagger u. v.m.; alle waren sie dort und amüsierten sich, was auch der Yellow Press nicht entging. Warhols geheimnissvolle Art half ihm dabei – von Natur aus war er sehr unsicher und äusserst scheu und neigte niemals dazu, klare Statements abzugeben, sondern verwendete stattdessen lieber einsilbige Antworten wie «Yes» oder «No» bei Interviews – diese vermeintlichen Schwächen vermochte er gekonnt für sich zu nutzen. Auch wie er sich in dieser Zeit kleidete; uniformenhaft, mit Perücke, dunkler Sonnenbrille, in schmaler Hose, meist mit Seefahrer-T-Shirt (wie Picasso)  und Biker-Jacke kombiniert, oder natürlich die Tatsache, dass er eine immer grössere Anzahl von »wirklichen« Stars um sich scharen konnte, verhalf ihm dabei, quasi über Nacht zum wichtigsten Künstler seiner Zeit zu werden. Dieser Status brachte dem Kunststar nicht nur Anerkennung ein, sondern auch zahllose Neider*innen, zu denen wohl auch die Autorin Valerie Solanas gehört haben muss, deren feministisches Theaterstück Andy nicht für einen Film inszenieren wollte und die deshalb 1968 drei Mal auf ihn geschossen hatte. Er überlebte das Attentat nur mit Glück.

Geprägt und stigmatisiert durch dieses traumatische Ereignis, gestaltete Warhol die Immobilie um. Die Factory mutete danach wesentlich professioneller an und war auch so organisiert; verfügte über Bürozeiten, Sitzungszimmer und Empfangsbereich und glich weit mehr einer Agentur als einem Künstleratelier. Auch das Silber musste weichen. Eine Vielzahl seiner Kunstwerke aus der zweiten Phase der Factory hat der Künstler weder signiert noch selbst angefertigt, was bis heute ein Albtraum für den Kunstmarkt und ein gefundenes Fressen für Fälscher ist. Letzteres störte ihn nicht, es amüsierte ihn sogar, wenn er mal wieder Plagiate seiner Arbeiten in Museen entdeckt hatte. Denn er verstand dieses Phänomen als Teil seiner Auffassung von Praxis und Reproduktion. Zudem diversifizierte er sich ab ca. 1970 noch mehr denn je: Wie schon Marcel Duchamp zuvor, der sich als Künstler auch als Forscher und Literaten sah, sah er sich von nun in seiner Rolle als Künstler definitiv auch als Filmemacher, Produzent und Medien-Entrepreneur. Er produzierte noch mehr Filme, fotografierte Stars für ihre bei ihm bestellten, individuellen Portrait Paintings, welche diese für horrende Summen käuflich erwarben, er schrieb ein Buch und verlegte Bücher, gründete »Interview Magazine« mit und erhielt in den 1980er-Jahren sogar eine eigene Fernsehsendung. Als Modell – mittlerweile selbst zum Testimonial für Brands avanciert – stand er oft auch vor der Kamera. Sein Image war zwar immer noch »cool«, doch er mutierte zusehends zu einer Karikatur seiner selbst;  er wurde noch introvertierter, seine Perücken und Brillen jedoch immer schriller. Nur noch wenige schienen gewusst zu haben, wer der 1928 in Pittsburgh/Pennsylvania geborene Warhola wirklich war. Auch wenn diese Schaffensperiode wohl nicht selten einem gewissen Dünkel geschuldet ist, so hat Warhol auch in seiner späten Phase immer wieder erstaunliche und wegweisende Arbeiten geschaffen. Eine davon hängt in der Bar des Dolder Grand Hotel; Big Retrospective Painting, von 1978. Es handelt sich um eines der grossformatigsten Kunstwerke, das von Warhol bekannt ist.

Andy Warhol
Andy Warhol «Big Retrospective Painting», 1979, Acrylic and silkscreen on canvas, 207 × 1080 cm (Courtesy Galerie Bruno Bischofberger, Männedorf-Zürich, Schweiz Foto: Werner Schnüriger)

Wie der Titel bereits verrät, ganz im Sinne von Warhols Paradigma, «Make it easy», ist es mit fast elf Metern Breite nicht nur monumental in seiner Grösse, sondern bildet einen Rückblick auf seine wichtigsten Schaffens- und Lebenszyklen ab, vornehmlich aus der Zeit der Silver Factory. Es sind ebenso die Blumenbilder, wie die Kellogspackungen, die Campell’s-Suppendosen, sein erstes Self Portrait, die Marilyn-Serie, die Kühe oder die Electric Chairs vertreten. Wie Tapeten sind die gewohnt multiplen Motive vertikal auf das gigantistisch anmutende Leinwand-Panel gedruckt worden. Fast schon etwas spiessig, aufgeblasen, visuell einer Briefmarkensammlung nicht unähnlich, kommt das Werk daher. Ziemlich arrogant auch, selber von seinem eigenen Schaffen eine Retrospektive zu (re)produzieren und diese Arbeit auch noch so zu betiteln; zynisch vielleicht sogar, jedoch mit ironischem Akzent versehen. Ganz Warhols Art wohl, Momente der Nostalgie, des Vergangenen und zugleich Zukünftigen, künstlerisch umzusetzen und darüber zu reflektieren.

Das Werk gibt die Geschichte der Factory und deren Mitglieder wieder. Es erzählt aber auch vom kleinen Andy, der aus ärmlichen Verhältnissen stammend, als dritter von drei Söhnen von slowakischen Migranten geboren und während seiner Kinder- und Jungendzeit ständig mit Verzicht konfrontiert war. Für die Warholas waren die sich immer praller füllenden Auslagen entlang der Boulevards nicht bestimmt; sie mussten wohl hart arbeiten und zum aufkommenden, amerikanischen Wirtschaftswunder beitragen, hatten aber, als Teil der untersten Schicht der Arbeiterklasse, fortwährend zu wenig zum leben. Daher floh sich Andy in eine Traumwelt, war fasziniert von der schier endlosen Auswahl an Waren in den Geschäften, liebte Hochglanzmagazine und Stars. Er liebte alles, was modern war und er selbst wollte es auch sein, was ihn wohl dazu gebracht hatte, zunächst Grafiker für die Werbeindustrie zu werden und schliesslich zum einflussreichsten Pop-Künstler überhaupt zu avancieren. Aber auch, um sich all diese funkelden Dinge leisten zu können und nie wieder arm zu sein.

Wiederum war es in der Galerie Bruno Bischofberger, als ebendieses Werk zum ersten Mal zu sehen war, 1981. Von einer anderen Journaistin darauf angesprochen, warum er denn alte Motive verwendet habe für seine gegenwärtigen Serien von Arbeiten, antwortete Andy Warhol salopp; «Besides, even the subject is different, people always paint the saime painting. I simply ran out of ideas.» Sagte es erneut mit leiser und gleichsam heller Stimme, halb geflüstert und halb gehaucht, in das Mikrofon und ging. Durch die Mitte. Wie immer.

Andy Warhol circa 1980